Vorwort
Es ist wichtig, an dieser Stelle noch einmal darauf hinzuweisen, dass dies meine persönliche Geschichte ist. Jeder CBBS-Fall ist anders und erfordert individuelle Strategien und Mittel zur Bewältigung. Ich möchte dir hier nicht sagen, was richtig oder falsch ist, sondern dir Mut machen, dass du dich von CBBS erholen kannst! Was für mich gut funktioniert hat, kann für dich weniger hilfreich sein – und umgekehrt. Trotzdem gebe ich dir die eine oder andere allgemein gültige Empfehlung mit auf den Weg.
Ich gehe in meiner Geschichte bewusst sehr ins Detail. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es ohne Details für Freunde und Bekannte oft schwierig ist, das Leben mit CBBS nachzuvollziehen, geschweige denn, sich in deine Situation hineinzuversetzen. Es lohnt sich, mit ihnen das Gespräch zu suchen und offen über deine Symptome und dein Befinden zu sprechen. Es reicht nicht, ihnen zu sagen, dass du chronische Beckenschmerzen hast, denn sie kennen diese Krankheit nicht. Nur wenn sie wissen, was wirklich los ist, können sie dich richtig unterstützen.
Wie alles begann
Meine Beckenschmerzen begannen im Dezember 2019. Ich war damals 32 Jahre alt, hatte einen guten Job als Unternehmensberater in der Finanzbranche und war dank täglichem Sport körperlich sehr fit. Ich war überall voll dabei, mit Überstunden bei der Arbeit, beim Sport, aber auch beim Feiern am Wochenende. Sagen wir es so: Ich war ständig unter Strom und das hatte auch Auswirkungen auf meinen Schlaf. Wenn man dann auch noch schlecht Nein sagen kann und allen helfen will, kann das zu einer ziemlich explosiven Mischung werden. Nach einem feuchtfröhlichen Abend mit Freunden machten sich am nächsten Morgen die ersten Symptome bemerkbar: ein Ziehen im Schaft meines besten Stücks bei der Erektion – ja, wenn ich von meinem «besten Stück» spreche, meine ich meinen Penis – und eine Überempfindlichkeit bei Berührungen. Gleichzeitig plagten mich Rückenschmerzen im unteren Rückenbereich, die allerdings schon vor den CBBS-Symptomen aufgetreten waren.
Während der Arbeit im Büro verschlimmerten sich die Symptome regelmässig. Sobald ich nach Hause kam und meine Kleidung wechselte (vom Anzug zur weiten Hose), besserten sie sich etwas. Das Sitzen bei der Arbeit war unangenehm, weil ich Druck im Dammbereich spürte. Eine besonders schlimme Nacht mit plötzlich stechenden Schmerzen in meinem besten Stück liess mich schliesslich befürchten, dass es sich um eine Geschlechtskrankheit handeln könnte.
Ich vereinbarte einen Termin beim Urologen und suchte wegen der Rückenschmerzen zusätzlich einen Chiropraktiker auf. Zu den bestehenden Symptomen gesellte sich bald ein immer wiederkehrendes leichtes Brennen an der Spitze meines besten Stücks und an manchen Tagen ein starker, stechender Schmerz in der Harnröhre, vor allem abends.
Beim Urologen erhielt ich prophylaktisch eine zweiwöchige Doxycyclin-Therapie. In dieser Zeit wurden Sperma, Urin und ein Abstrich der Harnröhre untersucht, ausserdem untersuchte er Prostata, Nieren und Blase. Alle Testergebnisse waren negativ und die Symptome blieben trotz Antibiotika bestehen. Im Februar 2020 bekam ich schliesslich die Diagnose: CBBS.
Ich war skeptisch. Wie konnte ich, ein sportlicher, junger und gesunder Mann, plötzlich an chronischen Beckenschmerzen leiden? Warum hat es ausgerechnet mich erwischt? Schliesslich hatten meine Kolleginnen und Kollegen genauso stressige Jobs und genossen auch das Leben am Wochenende.
Durch das Kaninchenloch
Ich begann, im Internet nach Ursachen und Lösungen für CBBS zu suchen, in der Hoffnung, die Symptome schnell loszuwerden. Aber ich musste feststellen, dass es nur wenige hilfreiche Ressourcen für Männer gab. Informationen und Studien waren oft veraltet und in Foren fand ich zwar viele Leidensgenossen, aber kaum Erfolgsgeschichten.
Die Erkenntnis, dass es nicht DAS Medikament, DEN Arzt oder DIE Behandlungsmethode gibt, liess mich verzweifeln. Ich fühlte mich allein mit meiner Diagnose und überfordert im Dschungel der Informationen, Halbwahrheiten und widersprüchlichen Aussagen.
Im März 2020 waren meine Symptome folgende: ein ständiges leichtes Brennen an der Spitze meines besten Stücks (24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche), Brennen und Schmerzen beim und nach dem Urinieren sowie bei der Ejakulation. Mehrere Ejakulationen am Tag verschlimmerten die Schmerzen. Besonders der letzte Tropfen beim Urinieren fühlte sich wie ein Blitzschlag an. Hinzu kamen Schmerzen im unteren Rücken.
Aus Scham sprach ich mit niemandem in meinem Umfeld über die Symptome. Schmerzen im besten Stück sind schliesslich kein geeignetes Thema für einen Apéro, einen Icebreaker oder einen Elevator Pitch. Ich begann mit einer TENS-Therapie bei meinem Urologen und machte täglich Dehnübungen, die ich im Internet gefunden hatte. Gleichzeitig suchte ich einen Homöopathen auf und wechselte bei der Arbeit zwischen Sitzen und Stehen, um den Beckenboden zu entlasten. Ich hörte mit dem Joggen auf, weil man mir gesagt hatte, dass es den Beckenboden belaste, und ging stattdessen regelmässig spazieren.
An dieser Stelle ein kleiner Tipp: Bewegung, die die Beschwerden nicht verschlimmert, ist bei CBBS sehr wichtig. Wenn Joggen deine Beschwerden nicht verschlimmert, kannst du ohne Bedenken weiter joggen. Wenn das nicht möglich ist, beginne mit kurzen Spaziergängen und steigere die Dauer langsam. Nun zum Sitzen: Langes Sitzen oder Verharren in der gleichen Position ist auch ohne CBBS ungesund. Am besten ist es, wenn du deine Haltung ab und zu wechselst, z.B. zwischen Sitzen und Stehen.
Ich habe damals auch täglich Quercetin-Tabletten genommen, die laut Studien entzündungshemmend wirken sollen. Bei mir zeigten sie jedoch keine Wirkung.
Sechs Monate nach der Diagnose
Ein halbes Jahr nach der Diagnose hatte ich kaum Fortschritte gemacht. Ich ging zu einem Physiotherapeuten, der mir Übungen für den unteren Rücken zeigte und mit TENS und Biofeedback den Beckenboden trainierte. Ich liess die Homöopathie hinter mir und meldete mich stattdessen zur Akupunktur an. Gleichzeitig setzte ich die Beckenbodendehnübungen und das Spazieren fort und beendete die Besuche beim Chiropraktiker.
Als keine Besserung eintrat, holte ich mir eine Zweitmeinung bei einem anderen Urologen ein. Dieser erklärte mir nüchtern, ich sei in das «schwarze Loch der Urologie» gefallen – nicht sehr einfühlsam, aber leider wahr. Er verschrieb mir Alphablocker, die ich zwei Wochen lang ausprobieren sollte. Nachdem ich die Nebenwirkungen gelesen hatte, entschied ich mich jedoch dagegen. Achtung: Dies ist keine generelle Empfehlung. Medikamente können in bestimmten Fällen helfen, Schmerzen erträglicher zu machen.
Im Oktober 2020 wurde ich an eine Physiotherapeutin überwiesen, die sich auf den Beckenboden spezialisiert hat. Sie führte innere Triggerpunktmassagen (falls du dich fragst, was das ist: Dabei werden gezielt verspannte Muskeln im Inneren des Beckenbodens gelöst – ja, das bedeutet genau das, was du denkst, und nein, entspannend ist anders) und Bauchmassagen durch. Parallel dazu suchte ich eine Osteopathin auf, die mir erklärte, dass meine Körperhaltung und Verspannungen die Ursache für meine Beckenschmerzen sein könnten.
Ich begann eine zusätzliche Physiotherapie für den unteren Rücken, um die Muskeln zu stärken. Die Rückenschmerzen verschwanden schliesslich, aber CBBS blieb.
Gleichzeitig nahm ich Atemübungen und Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson in meine Routine auf, da ich gelesen hatte, dass sich Entspannung positiv auf die Beckenbodenmuskulatur auswirken kann.
Kleiner Tipp: Es gibt viele verschiedene Entspannungs-, Achtsamkeits- und Meditationstechniken. Es lohnt sich, ein wenig auszuprobieren und etwas auszuwählen, das einem gefällt und guttut. Ich bin z.B. ein grosser Fan von «Body-Scans». Wichtig ist auch, die Dauer so zu wählen, dass man sie täglich anwenden kann und nicht gleich wieder aufgibt, weil man keine Zeit hat.
Rückblick nach einem Jahr CBBS
Nach einem Jahr CBBS war es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Ende 2020 waren meine Symptome:
– Ein leichtes Brennen an der Spitze meines besten Stücks, das rund um die Uhr anhielt.
– Ein Brennen beim und nach dem Urinieren, das sich manchmal verschlimmerte.
– Ein unangenehmes Gefühl im Penis nach der Ejakulation, das länger anhielt.
Alles, was ich bisher ausprobiert hatte, half nur begrenzt. Ich musste weiter arbeiten, obwohl ich rund um die Uhr Schmerzen hatte. Spaziergänge schienen die Symptome etwas zu lindern, und das Trinken von Brennnesseltee half, das Brennen beim Wasserlassen etwas zu lindern.
Bestimmte Aktivitäten verschlimmerten jedoch meine Symptome:
– Alkohol führte in den Tagen nach dem Konsum zu einer deutlichen Verschlechterung.
– Der Versuch, den Orgasmus hinauszuzögern oder mehrmals hintereinander zu ejakulieren, verursachte mehrere Tage lang starke Beschwerden.
– Stress oder Ärger im Arbeitsalltag wirkten sich direkt negativ auf meinen Beckenboden aus.
Diese Beobachtungen erwiesen sich schliesslich als sehr wichtig für meinen Genesungsprozess.
Ein neuer Versuch
Da ich keine wesentlichen Fortschritte machte, beschloss ich, andere Therapiemethoden auszuprobieren. Ich begann mit Psychotherapie, da ich vermutete, dass ein Trauma eine Rolle spielen könnte. Ausserdem versuchte ich es mit Hypnose, Stosswellentherapie (ESWT) und Epsom-Salz-Bädern. Leider brachten auch diese Ansätze in meinem Fall keinen Erfolg. Meine Symptome blieben unverändert.
An dieser Stelle möchte ich betonen: Wenn du mit deinem psychischen Leidensdruck nicht mehr zurechtkommst, bitte ich dich dringend, dir Hilfe zu suchen. Es ist wichtig, Unterstützung zu haben, wenn der Schmerz und die Situation übermächtig erscheinen.
Die Wende: Karl Monahan
Im Januar 2021 stiess ich bei einer weiteren Internetrecherche auf einen Artikel mit dem Titel Prostatitis: ‹How I meditated away chronic pelvic pain›. Darin berichtete Henri Astier, wie ihm Meditation und Achtsamkeit bei CBBS geholfen hatten. Er erwähnte auch einen Sportmassagetherapeuten und ehemaligen CBBS-Betroffenen namens Karl Monahan, der in London eine Klinik für chronische Beckenschmerzen und Prostatitis betreibt.
Am 3. Januar 2021 füllte ich Karl Monahans Patientenaufnahmeformular aus und traf ihn kurz darauf per Zoom-Call. Zum ersten Mal konnte ich mit jemandem sprechen, der aus eigener Erfahrung wusste, wie es ist, an CBBS zu erkranken. Karl erklärte mir auf verständliche Weise, was mit mir los war: Mein Nervensystem war überreizt und befand sich in einem chronischen Fight-or-Flight-Modus. Mein Körper und mein Geist konnten nicht zur Ruhe kommen, was meinen Beckenboden durch die permanente Anspannung der dortigen Muskulatur in Mitleidenschaft zog.
Ich hatte mich in den letzten Monaten so sehr auf CBBS konzentriert, dass die Krankheit mein ganzes Leben dominierte. Ich ging kaum noch aus dem Haus, hatte den Sport aufgegeben und lebte in einem Zustand ständiger Angst.
Karl hat mir mit viel Einfühlungsvermögen, Strategien und Werkzeugen geholfen, die Perspektive zu wechseln und meinen Lebensstil zu ändern. Schritt für Schritt brachte ich Ruhe in meinen Alltag. Unter Karls Anleitung habe ich einige entscheidende Veränderungen in meinem Leben vorgenommen. Ich kündigte meinen als stressig empfundenen Job als Unternehmensberater und verzichtete vorerst komplett auf Alkohol, Zigaretten und Kaffee – letzterer fördert schliesslich die Ausschüttung von Cortisol. Ausserdem begann ich, Meditation und Achtsamkeit verstärkt in meinen Alltag einzubauen. Und siehe da: Durch diese Massnahmen verbesserte sich mein Schlaf deutlich. Zusätzlich begann ich langsam wieder Sport zu treiben und wechselte dank eines von Karl empfohlenen Podcasts nach und nach von regelmässigen Spaziergängen zu leichtem Joggen. Da meine Ernährung bereits gesund war, musste ich hier nichts ändern. All diese Veränderungen habe ich gemeinsam mit Karl über mehrere Monate Schritt für Schritt umgesetzt.
Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich, ausser bei Karl keine weiteren Therapien in Anspruch zu nehmen. Ein letzter Besuch beim Urologen diente dazu, mit einer sogenannten 2-Gläser-Probe sicherzustellen, dass wirklich keine andere Ursache vorliegt.
Es geht aufwärts
Die Genesung von CBBS war kein linearer Prozess. Es gab immer wieder Aufflackern der Symptome, manchmal bis zu einer Woche lang, bevor sie wieder auf das Ausgangsniveau zurückgingen. Dank Karl wusste ich jedoch, dass solche Episoden zum Heilungsprozess gehörten und keinen Rückfall auf Null bedeuteten.
Nach und nach stellte ich fest, dass ich zum ersten Mal schmerzfreie Stunden erlebte. Daraus wurden schmerzfreie Tage, dann Wochen und schliesslich Monate. Mit der Zeit wurden die beschwerdefreien Phasen immer länger, und ich begann, wieder Kontrolle über meinen Zustand zu gewinnen.
Heute
Du fragst dich sicher: Bin ich von CBBS vollständig geheilt? Ja, heute, nach drei Jahren, führe ich wieder ein ganz normales Leben – und ja, ich trinke sogar wieder täglich Kaffee.
CBBS war kein Segen, aber es hat mich gezwungen, eine neue Balance in meinem Leben zu finden. Ich habe gelernt, mehr auf meinen Körper und meine Bedürfnisse zu hören. Nach stressigen Arbeitswochen verzichte ich bewusst darauf, das Wochenende mit exzessivem Alkoholkonsum oder anderen ungesunden Aktivitäten zu verbringen. Stattdessen baue ich gezielt geistige und körperliche Erholung ein.
CBBS hat mir gezeigt, wie wichtig ein gesunder Lebensstil und innere Ausgeglichenheit sind. Diese Veränderungen haben nicht nur zu meiner Genesung beigetragen, sondern auch meine Resilienz gestärkt. Heute bin ich schmerzfrei und habe CBBS für immer den Rücken gekehrt.
Bis heute gibt es kein Wundermittel gegen CBBS und der Heilungsprozess hat mich viel Geduld und Zeit gekostet. Daher kann ich dir nur empfehlen, dir einen empathischen Therapeuten zu suchen, der sich mit CBBS auskennt und dich ganzheitlich auf deinem Weg zur Genesung unterstützt. Du musst CBBS nicht alleine bewältigen, aber der Wille, die Disziplin und das Engagement, deine Situation zu verbessern, müssen letztendlich von dir selbst kommen. Kein Therapeut, kein Seminar und kein Buch kann dir diese Arbeit abnehmen.
Ich hoffe, ich konnte dir mit meiner Geschichte Mut machen und dir hilfreiche Impulse auf deinem Weg zurück in ein normales Leben ohne CBBS geben. Du bist nicht allein und es ist möglich, diese Herausforderung zu meistern!